Europäischer und deutscher Kongress für Nephrologie im Juni 2010 in München
Wie groß(artig) die Leistung der Nieren ist, machte eine Plakataktion von Mitte bis Ende Juni in München deutlich. Die Organe filtern täglich 1800 Liter Blut – die etwa 6 Liter Blut jedes Menschen also 300 Mal – und regulieren so den Wasser-, Salz- und Säure-Basen-Haushalt. Die Plakate, mit denen die Deutsche Nierenstiftung 150 Litfasssäulen im gesamten Stadtgebiet der bayerischen Metropole umkleben ließ, machten die von den Nieren gefilterte große Menge Blut besonders anschaulich: Der blutrot dargestellte Plakatteil ragte gut einen Meter über einen erwachsenen Betrachter heraus und brauchte drei von ihnen Hand an Hand, um ihn zu umfassen.
Die Veranstalter des Europäischen Nierenkongresses vom 25. bis 28. Juni in München knüpften bei der Auftaktpressekonferenz an die Plakataktion an, um die Bedeutung der Nieren und der Vorbeugung vor chronischen Nierenerkrankungen zu verdeutlichen. Neben dem fachlichen Austausch von Fachärzten für Nieren- und Bluthochdruckerkrankungen (Nephrologen), Medizinern angrenzender Disziplinen, medizinischem Fachpersonal sowie Mitarbeitern von Instituten und Pharmaunternehmen sollte der Kongress die Bevölkerung für die Vorsorge sensibilisieren.
 Prof. Wanner
Warum das nötig ist, machte Tagungspräsident Prof. Dr. Christoph Wanner deutlich: Die Zahl der Menschen, die chronisch nierenkrank werden, nimmt stetig zu – zum einen weil die Menschen immer älter werden und der Funktionsverlust der Nieren auch eine Alterserscheinung ist. Chronische Nierenerkrankungen sind zum anderen auch die „Quittung für die Ausbreitung sogenannter Wohlstandskrankheiten wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Fettleibigkeit (Adipositas) in den Industrieländern.“ Der Präsident der gemeinsamen Tagung der europäischen nephrologischen Fachgesellschaften ERA-EDTA und der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) führte ergänzend einige Fakten an: 2007 litten weltweit 245 Millionen Menschen an Diabetes; 2025 wird mit 380 Millionen Diabetikern gerechnet. Bei derzeit etwa 40 Prozent der Nierenkranken geht man von Diabetes als Ursache aus. Ähnlich kritisch sahen die zum Bluthochdruck von Wanner angeführten Fakten aus: Laut Robert-Koch-Institut hatten im Jahr 1998 rund 44 Prozent der Europäer und sogar 55 Prozent aller Deutschen Bluthochdruck.
Wanner stellte die besondere Gefährdung von Diabetikern und Menschen mit Bluthochdruck heraus, eine chronische Nierenerkrankung zu entwickeln. Für sie oder für durch Nierenerkrankungen in der Verwandtschaft erblich vorbelastete Menschen ist die Früherkennung besonders wichtig und sollte mindestens einmal pro Jahr erfolgen.
 Prof. Brunkhorst
Zwei einfache, schmerzfreie beim Hausarzt durchgeführte Test geben über die Nierengesundheit Aufschluss, wie Prof. Dr. Reinhard Brunkhorst, Präsident der DGfN, erläuterte. Ein Bluttest ermittelt dabei den Grad der Nierenfunktionsleistung; ein Urintest spürt Eiweiße im Urin als möglichen Hinweis auf eine Nierenerkrankung auf. Dann müsse der Nierenfacharzt hinzugezogen werden, riet Brunkhorst. Früh erkannt, könne eine Nierenerkrankung aufgehalten oder ihr Fortschreiten verlangsamt werden, sagte er.
Einen konkreten Erfolg der Vorsorge in Deutschland konnte Tagungspräsident Wanner melden: Ein 2002 für Diabetiker gestartetes Programm, das regelmäßige Nierentests umfasst, ließ bereits 2004 einen Rückgang der Diabetes bedingten Nierenerkrankungen erkennen.
Auf der Tagesordnung der rund 12 500 Teilnehmern des Kongresses – ein Rekord – stand vorrangig die Behandlung fortschreitender chronischer Nierenerkrankungen per Dialyse – Hämodialyse und Peritonealdialyse – und die Transplantation. Ferner wurden zahlreiche neue Studien vorgestellt. Unter anderem ging es um neue Therapien bei Gefäßverkalkungen und um die Frage, ob ein früher Dialysebeginn in jedem Fall den Krankheitsverlauf verbessert.
Wanner unterstrich die Bedeutung des europäischen Kongresses für den grenzüberschreitenden Austausch unter Experten: Zwar unterscheiden sich die gesundheitspolitischen Rahmenbedingungen und die medizinische Infrastruktur – so gibt es in Deutschland 1200 Dialysezentren und 2500 Nephrologen, in Großbritannien lediglich 100 Dialysezentren und 400 Nephrologen – jedoch sind Projekte anderer Länder stets bereichernd, wie ein Präventionsprogramm in der niederländischen Stadt Groningen, das alle 45 000 Bürger einschloss.
Auch die Bedeutung von Daten zu Nierenerkrankungen und deren Behandlung machte die Presseveranstaltung deutlich. Während andere europäische Länder über Jahre durchgängig gepflegte Datenbestände haben, gibt es in Deutschland seit 2007 kein Nierenregister mehr. DGfN-Präsident Brunkhorst wertete dies als „großes Manko“, da wichtige Informationen, beispielsweise zur Entwicklung der Zahlen der Neuerkrankungen, der insgesamt Erkrankten, der Ursachen und der Verteilung auf die verschiedenen Nierenersatzverfahren, nicht dokumentiert werden. Die DGfN arbeitet laut Brunkhorst derzeit intensiv daran, ein neues nationales Register zu erstellen.
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